Politischer Abend des BDSI in Brüssel „Lebensmittelampel: Rotes Licht für den europäischen Binnenmarkt?“

© Verena Günther; v.l.n.r.: Bastian Fassin, Dr. Daniel Kofahl, Anne Markwardt, Klaus Reingen, Hajo Friedrich

© Verena Günther; v.l.n.r.: Bastian Fassin, Dr. Daniel Kofahl, Anne Markwardt, Klaus Reingen, Hajo Friedrich

Am 25.09.2019 lud der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e. V. (BDSI) zu seinem jährlich stattfindenden Politischen Abend „Süßwaren im Dialog – Brussels meets sweets“ in die Räumlichkeiten des Naturwissenschaftlichen Museums in Brüssel ein. Thema war in diesem Jahr die drohende Zersplitterung des europäischen Binnenmarktes durch unterschiedliche nationale Anforderungen bei der Lebensmittelkennzeichnung.

Aktuell steht in der politischen Diskussion die Visualisierung von Nährwertangaben auf der Vorderseite der Verpackung im Fokus. Dabei werden viele verschiedene Ansätze diskutiert, angefangen von unterschiedlichen nationalen Systemen wie Nutri-Score in Frankreich und Belgien, das britische Ampelsystem oder die Keyhole-Kennzeichnung in Skandinavien. Die zentrale Frage ist dabei, ob solche Systeme tatsächlich eine Hilfe bei der Kaufentscheidung im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung und damit einen Mehrwert an Information für den Verbraucher darstellen.

Auf dem Podium diskutierten kontrovers:

  • Bastian Fassin, Vorsitzender des BDSI
  • Anne Markwardt, Verbraucherzentrale Bundesverband, Leiterin Team Lebensmittel
  • Dr. Daniel Kofahl, Ernährungssoziologe, Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur – APEK

Bastian Fassin, Vorsitzender des BDSI, betonte, dass der gemeinsame Binnenmarkt zu den größten Errungenschaften der Europäischen Union zählt und im globalen Wettbewerb ein wichtiger Trumpf für die in Europa tätigen Unternehmen ist. Allerdings droht diese Errungenschaft für die gesamte europäische Lebensmittelindustrie durch unterschiedliche nationale Kennzeichnungsanforderungen auf den Verpackungen zu zersplittern. Während bisher eine einheitliche Verpackung mit der gleichen Kennzeichnung, lediglich in mehreren Sprachen, gängig war, müssen die Hersteller zunehmend wieder unterschiedliche Verpackungen für unterschiedliche Märkte in der EU verwenden. Dies belastet besonders kleinere und mittlere Unternehmen mit zusätzlichen Kosten und hohem administrativem Aufwand, so dass manche den Export in andere EU-Länder bereits eingestellt haben.

Ein Beispiel hierfür ist etwa der in Frankreich oder Belgien verwendete Nutri-Score, der aus verschiedenen Gründen höchst umstritten und problematisch ist. Das komplizierte Bewertungsmodell des Nutri-Score ist für Verbraucher nicht transparent und lässt keine Schlüsse darauf zu, welchen Beitrag das Lebensmittel in Bezug auf den Energie- und Nährstoffgehalt leistet, da hierzu keine Angaben offenlegt werden. Der BDSI lehnt eine solche sog. Ampelkennzeichnung ab, u. a. weil Ernährung zu komplex ist, um Lebensmittel mit grünen oder roten Punkten in gut und schlecht einzuteilen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung spricht sich seit langem gegen eine Ampelkennzeichnung aus, vor allem weil der Farbumschlag von Gelb nach Rot nicht wissenschaftlich korrekt ableitbar ist.

Anne Markwardt vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hob hervor, dass Verbraucherinnen und Verbraucher auf die Qualität von Lebensmitteln vertrauen können müssen und mehr Orientierung am Markt benötigten. Wer sich gesund ernähren möchte, habe es aber derzeit im Supermarkt nicht leicht. Komplizierte Nährwerttabellen machten es nicht einfach, zu erkennen, wie „gesund“ ein Lebensmittel im Vergleich zu anderen sei.

Nutri-Score, eine Bewertung des gesamten Lebensmittels in Ampelfarben, könne hier eine gute Orientierung auf einen Blick geben. Wenn jedoch nicht alle Lebensmittel mit einer farblichen Nährwertkennzeichnung versehen seien, erschwere das den Vergleich ähnlicher Produkte. Gemeinsam mit anderen europäischen Verbraucherorganisationen setzt sich der vzbv dafür ein, den Nutri-Score verpflichtend innerhalb der EU einzuführen.

Dr. Daniel Kofahl, kritisierte den aktuellen Gesundheitsdiskurs, der jeden einzelnen moralisierend zur richtigen Ernährung erziehen wolle. Der Staat sei dabei nicht der einzige Akteur, auch Versicherungswirtschaft, Krankenkassen oder Medien seien daran beteiligt. Im Kern gehe es vor allem darum, die Leistungsfähigkeit des Menschen zu optimieren und diesem Ziel habe sich alles unterzuordnen. Wichtige ernährungskulturelle Aspekte blieben dabei außer Acht. So stehe für die allermeisten Menschen beim Essen nicht der Erhalt der Gesundheit, sondern der Genuss oder die Gemeinschaft mit Familienmitgliedern oder Freunden beim Essen im Vordergrund.

Der Staat stehe in der Verantwortung, über die Gesundheit aufzuklären. Dies sollte aber sachlich erfolgen und ohne genussfeindliche Verbote und Bevormundung von Menschen. Auch die Diskussion um verschiedene Nährwertkennzeichnungsmodelle könne zu einer Verunsicherung der Verbraucher beitragen. Das Leben sei einfach sehr komplex und lasse sich nicht immer in ein simples „Das ist gut, das ist schlecht!“ einteilen. Insbesondere der Nutri-Score sei aus wissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll, weil sich gute Ernährung nicht an einzelnen Produkten festmachen lässt.

Die Podiumsdiskussion moderierte in bewährter Weise der Wirtschaftsjournalist Hajo Friedrich.

In seinem Schlusswort betonte Klaus Reingen, Hauptgeschäftsführer des BDSI, dass der gemeinsame Binnenmarkt verteidigt werden müsse, auch bei der Lebensmittelkennzeichnung. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen könnten die durch verschiedene Anforderungen anfallenden zusätzlichen Kosten und den administrativen Aufwand kaum mehr stemmen.