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Interview Dr. Werner Wolf, Fa. Intersnack

Süsswaren sprach mit Dr. Werner Wolf, Geschäftsführer der Intersnack Knabbergebäck GmbH & Co. KH, Köln, über die Vereinbarkeit von Beruf und Berufung, modernes Krisenmanagement und die Frage, wie man in Zeiten von Acrylamid, das positive Denken nicht verlernt

süsswaren:
Herr Dr. Wolf, Sie sind im BDSI als Vorsitzender der Fachsparte Knabberartikel und als Präsidiumsmitglied aktiv, und Sie bekleiden zusätzlich herausgehobene Positionen beim BLL und anderen der Branche verbundenen Institutionen. Wie vereinbaren Sie das mit der anspruchsvollen Aufgabe eines Geschäftsführers des größten deutschen Knabberartikel-Produzenten Intersnack?

Dr. Wolf:
Indem ich meinen Job ordentlich manage. Natürlich verbrauchen solche Ämter Zeit, Energie und manchmal auch Nerven - wie jede Verbandsarbeit. Aber ich sehe das nicht als zusätzliche Arbeit sondern als integralen Bestandteil meiner Aufgabe als Geschäftsführer von Intersnack. Von der Nummer eins des Segmentes wird zweifellos erwartet, als erster neue Produkttrends zu erahnen, kreativ zu realisieren und anzutreiben, und genauso muss der Marktführer naturgemäß auch Verantwortung für die Mitgestaltung der Zukunft der Branche übernehmen. Dazu gehört die Mithilfe bei Organisation und Durchführung des Erfahrungsaustausches zwischen den Unternehmen der Branche, aber auch politische Initiativen und die Formung des Bildes der Branche in der Öffentlichkeit sind Bestandteil der Aufgabe. Ich will nicht verhehlen, dass mir diese Seite meines Jobs aber auch Spaß macht, ich sehe das nicht als Belastung.

süsswaren:
Beim Thema Erfahrungsaustausch denkt man natürlich sofort an die Problematik Acrylamid. Ein Thema, das Süßwaren- und Knabberartikel-Hersteller verbindet, allerdings auf wenig angenehme Weise…

Dr. Wolf:
Mit dem Begriff Acrylamid verbinden wir alle die größte Krise der Knabberartikel-Branche und auch einiger Süßwaren-Hersteller, die zeitweise mit dramatischen finanziellen Verlusten der Unternehmen einherging und davon abgeleitet mit dem schmerzhaften Verlust von Arbeitsplätzen. Man muss aber auch sehen, wie wir die Krise letzten Endes erfolgreich bewältigt haben und welche positiven Effekte dieser Prozess sekundär generiert hat. Es ist uns gemeinsam gelungen, Technologien zu entwickeln, mit denen der Acrylamidgehalt der Produkte radikal gesenkt werden konnte - und das in äußerst kurzer Zeit. Wir haben wissenschaftliche Projekte angeschoben, die uns alle viel Geld gekostet aber auch der gesamten Branche genutzt haben. Wir haben gemeinsam mit der Politik das Minimierungskonzept entwickelt und umgesetzt. Womit auch angesprochen sein soll, dass eine starke Vertrauensbasis mit Behörden und Institutionen aus dem politischen Sektor gebildet wurde, die so ausgeprägt ist, dass lautstarke Ideologen und irrationale Scharfmacher heute wenig Einfluss besitzen. Nicht zuletzt haben wir alle durch die Acrylamidkrise auch gelernt, wie überaus wichtig professionelle Medienarbeit für die Branche ist, für die Prävention von Krisen und für die Minimierung des Schadens im Fall der Fälle.

süsswaren: Ist das Thema Acrylamid für Sie und Intersnack insofern erledigt?

Dr. Wolf:
Nein, der Begriff ist weiterhin beim Verbraucher negativ besetzt, und er rückt ihn auch zu unseren Produkten in Beziehung, wenn bei irgendeinem Produkt irgendeines Herstellers in irgendeiner Ecke unseres Landes minimal überhöhte Werte festgestellt werden und dies ein relevantes Medienecho findet. Andererseits sehe ich in der offenbar dauerhaften Latenz des Themas beim Verbraucher, die ein schnelles "Wecken" bei Comeback-Skandalen ermöglicht, aber auch eine Chance für all jene Hersteller, die besonders verantwortungsvoll produzieren. Wir von Intersnack arbeiten konsequent an der weiteren Verringerung der Acrylamidwerte, womit die Qualität unserer Produkte natürlich auch zunehmend steigt, sie insgesamt an Wert gewinnen. Diese Strategie würde ich auch allen anderen betroffenen Unternehmen empfehlen.

süsswaren:
Worin sehen Sie die wichtigsten politischen Herausforderungen für Intersnack und die Knabber-Branche, heute und in der näheren Zukunft?

Dr. Wolf:
Seit das Problem Übergewicht weltweit zunimmt - sowohl als dramatisiertes Gesundheitsthema als auch als Schreckgespenst gesamte Gesellschaften bedrohender explodierender Krankheitskosten durch hunderte Millionen Betroffene in zehn bis 20 Jahren - tun wir gut daran, uns proaktiv und strategisch damit auseinander zu setzen. Dabei ist es zunächst irrelevant, ob die Bedrohung wirklich so groß ist oder ob die Szenarien auf vernünftigen wissenschaftlichen Prognosen beruhen oder nicht. Wichtig ist, dass die Sache im öffentlichen Raum in dieser Weise erscheint und dass deshalb interessierte Pressure Groups und politische Gruppen aus Eigeninteresse weitere Reglementierungen der Ernährungswirtschaft fordern. Ich möchte an dieser Stelle sehr deutlich betonen, dass wir dieses Problem gar nicht ernst genug nehmen können. Gerade auf europäischer Ebene gibt es Phantasien bestimmter Kreise, Süßwaren oder Knabberartikel gesetzlich zu Warnhinweisen zu verpflichten, wie wir sie von Zigarettenpackungen kennen. Und das ist nur eine, besonders plakative Bedrohung, neben anderen. Ich erinnere nur an den politischen Kampfbegriff Fettsteuer!

süsswaren:
Was kann der BDSI, was können Einzelunternehmen in diesem Zusammenhang tun?

Dr. Wolf:
Auf europäischer Ebene ist der BDSI zum Beispiel in der European Snack Assocation - ESA -aktiv. Auch Einzelunternehmen wie Lorenz Snack World und Intersnack leisten in diesem Verband auf unterschiedlichen Ebenen regelmäßig ihren inhaltlichen Beitrag. Hier in Deutschland ist das herausragende Ereignis rund um dieses Problem die Gründung der Plattform Ernährung und Bewegung, das gesellschaftliche Kommunikations- und Aktionsforum im Kampf gegen Übergewicht schlechthin. Heute sind in der Plattform bereits über 100 Unternehmen, Verbände und Institutionen Mitglied, auch die Bundesregierung gehört dazu. An der Initiative zur Gründung der Plattform und an ihrem Aufbau haben Verbände, Unternehmen und Persönlichkeiten unserer Branche ganz maßgeblichen Anteil gehabt. Dies alles hat wie im Fall Acrylamid zu einer Versachlichung und Entideologisierung der Diskussion und zu einer schrittweisen Abkehr von Schuldzuweisungen geführt. Die deutsche Plattform wird längst als Vorzeigemodell für Europa geführt, und gerade nimmt eine entsprechende europäische Plattform Gestalt an, die auch der zuständige EU-Kommissar Markos Kyprianou unterstützt. Wenn das gelingt - auch hierbei wirken BDSI und Einzelmitglieder über die ESA mit - bedeutet dies auch für Europa einen großen Schritt in die richtige Richtung. Zusätzlich haben wir von Intersnack das derzeit größte deutsche Programm zur Schulsport-Förderung aufgelegt. Es heißt "Fit am Ball - Der Schul-Cup von funny-frisch" und wird von der Deutschen Sporthochschule Köln, als deren Drittmittelgeber Intersnack agiert, derzeit für 35.000 Kinder an 1.000 Schulen veranstaltet. Grundgedanke dabei ist, dass Spaß am Sport und Wissen über ausgewogene Ernährung präventiv am effektivsten gegen Übergewicht wirken. Als Schirmherr der Aktion haben wir gerade eben den früheren Bundesminister Dr. Heiner Geißler gewonnen.

süsswaren:
Sehen Sie im gesellschaftlichen Thema Übergewicht auch eine Relevanz für eine Verschiebung der Nachfrage hin zu fettarmen Produkten?

Dr. Wolf:
Durch technische Innovationen ist Intersnack heute dazu in der Lage, Kartoffelsnacks mit deutlich reduziertem Fettgehalt zu produzieren, die dennoch im Geschmack die volle Würze entfalten, wie man sie von energiedichteren Snacks kennt. Unsere entsprechenden Produkte, die bereits auf dem Markt sind, heißen etwa "Ofenchips", "Ofen-Crispinis" oder "Chipsfrisch delight". Wir sind mit der bisherigen Performance dieser Produkte sehr zufrieden. Ob der Verbraucher sich vollständig in diese Richtung wendet, wird man sehen. Gegen Übergewicht jedenfalls hilft nur eines, das zeigen alle wichtigen wissenschaftlichen Studien - regelmäßige Bewegung, Sport, ein insgesamt eher aktiver als ein "sitzender" Lebensstil. Das ist vielleicht eine unangenehme Wahrheit, viel unbequemer als die Phantasie, der Konsum oder das Weglassen bestimmter Lebensmittel könnte auf Dauer schlank machen. Aber eine Wahrheit bleibt es trotzdem.

süsswaren:
Herr Dr. Wolf, wir danken für das Gespräch.
Erschienen in Zeitschrift süsswaren 12/2005

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