Wirtschaft und Produktion
25.01.2012:
Süßwarenindustrie 2011: Stark gestiegene Rohstoffpreise belasten Ertragslage und Entwicklungschancen dauerhaft

Die erheblichen Rohstoffpreissteigerungen bei gleichzeitig scharfem Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel belasteten die Ertragslage der mittelständisch geprägten deutschen Süßwarenindustrie. Dies meldet der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. (BDSI). Vielfach konnten die höheren Rohstoffkosten nur verzögert oder nicht in vollem Umfang weitergegeben werden. Besonders dramatisch war die Rohstoffpreisentwicklung bei Zucker, Mehl, Mandeln und Haselnüssen. Auch die Preise für Butter sowie pflanzliche Öle und Fette bewegten sich 2011 weiter auf hohem Niveau. Erfreulicherweise ergab sich auf dem Kakaomarkt wieder Versorgungssicherheit, nachdem ein vorübergehendes Embargo der EU gegenüber der Elfenbeinküste aufgehoben worden war. Die Preise für Verpackungen stiegen aufgrund des hohen Ölpreisniveaus ebenfalls an. Mitursächlich für die teils drastischen Preissteigerungen sind auch Börsenspekulationen auf Lebensmittelrohstoffe, die der BDSI scharf verurteilt.
Vor allem aber wird das Jahr 2011 in der Branche unvergessen bleiben, weil etwas eintrat, was sich wohl niemand hätte vorstellen können: Der wichtigste Rohstoff der Süßwarenindustrie - der Zucker - wurde in Europa knapp und das trotz einer Rekordernte bei den Zuckerrüben. Der Grund für diese besorgniserregende Entwicklung ist, dass das streng regulierte und wenig flexible europäische Quotensystem den Markt für Zucker für die Lebensmittelproduktion (sog. Quotenzucker) künstlich verknappt und so den Preis für Zucker nach oben treibt. Lebensmittelhersteller haben wegen des Brüsseler Quotensystems keinen Zugang zu dem sog. Nicht-Quoten-Zucker, der derzeit wegen der guten Ernte in großen Mengen erzeugt wird und in die chemische Industrie, die Bioethanolproduktion oder den Export geht. Die Süßwarenindustrie erwartet, dass das Quotensystem im Jahr 2015 abgeschafft wird, wie es die EU-Kommission vorgeschlagen hat.
Derzeit versucht die EU-Kommission, den europäischen Zuckermarkt mit Notfallmaßnahmen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, allerdings mit paradox erscheinenden Methoden. "Es ist doch absurd, bei einer Zuckerknappheit für die Lebensmittelproduktion Nicht-Quoten-Zucker auf den Weltmarkt zu exportieren und dann zur Behebung des Engpasses wieder Zucker vom Weltmarkt nach Europa zu importieren", kommentiert Tobias Bachmüller, Stellvertretender Vorsitzender des BDSI und Vorsitzender des Arbeitskreises Internationale Süßwarenmesse (AISM). "Ohne Quotensystem könnte sich die Lebensmittelindustrie direkt mit dem in Europa reichlich vorhandenen Zucker versorgen."
Konjunkturentwicklung der Süßwarenindustrie 2011
Nach Schätzungen des BDSI konnten die etwa 220 deutschen Hersteller industrieller Süßwaren und Knabberartikel ihre
Produktion in der Menge im Jahr 2011 gegenüber dem Vorjahr um 1,4 % auf rund 3,78 Mio. t steigern. Im Umsatz legte die Produktion um etwa 2,1 % auf rund 12,88 Mrd. € zu. Den Schätzungen des BDSI liegen die amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zugrunde.
"Nach einem für unsere Hersteller sehr erfreulichen ersten Halbjahr trübte sich das Geschäftsklima in der zweiten Jahreshälfte 2011 ein. Hierzu trug zum einen eine Abschwächung des Exportgeschäftes bei. Doch auch die milde Witterung im Herbst und zu Weihnachten minderte den Appetit auf Süßes - und dies ausgerechnet in dem für die Branche so wichtigen Saisongeschäft. Einmal mehr zeigte sich, dass die Süßwarenindustrie mehr wetter- als konjunkturabhängig ist", erläutert Tobias Bachmüller.
Das
Inlandsangebot stagnierte im Jahr 2011. Die Absatzmenge sank um etwa
0,4 % auf knapp 2,6 Mio. t, während der Inlandsumsatz im gleichen Zeitraum um 0,4 % auf rund 9,3 Mrd. € stieg.
Das
Exportgeschäft entwickelte sich 2011 weiterhin insgesamt positiv, schwächte sich im Verlauf des Jahres jedoch ab. Insgesamt wurden schätzungsweise 1,74 Mio. t Süßwaren exportiert. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahr einer Steigerung um 2,3 %. Der Exportumsatz stieg im Jahr 2011 um ca. 5,4 % auf rund 5,67 Mrd. €. Mit einem Exportanteil von rund 46 % geht mittlerweile fast jede zweite Tonne deutscher Süßwaren in den Export. Etwa 85 % aller Süßwarenausfuhren werden in die Mitgliedstaaten der Europäischen Union geliefert. 15 % der Exporte gehen in Drittländer außerhalb der EU, allen voran in die USA, die Schweiz, nach Russland und Australien.
Die
Beschäftigtenzahl in der deutschen Süßwarenindustrie blieb gegenüber dem Vorjahr konstant. Die deutsche Süßwarenwirtschaft beschäftigte als drittgrößte Branche in der Ernährungsindustrie 2011 rund 50.000 Mitarbeiter und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Stabilität.
Ausblick 2012
Die Süßwarenbranche steht auch im Jahr 2012 vor großen Herausforderungen. Die größte Sorge bereiten den Herstellern weiterhin die ausreichende Verfügbarkeit einzelner Rohstoffe und die stark gestiegenen Rohstoffpreise. Der strategische Rohstoffeinkauf ist für die Unternehmen mittlerweile von herausragender Bedeutung.
Risiken liegen auch für die Süßwarenindustrie in der weiteren Entwicklung der Eurokrise und der Verunsicherung an den internationalen Finanzmärkten. Als zunehmenden Wettbewerbsnachteil für die deutschen Süßwarenhersteller wertet der BDSI auch die weitere Entwicklung der Energiepreise.
Vor allem durch beständige Innovationen ist die Branche dennoch zuversichtlich und erwartet auch von der diesjährigen Internationalen Süßwarenmesse (ISM) wichtige Impulse für das laufende Geschäftsjahr.
Unterschiedliche Entwicklung bei den einzelnen Produktgruppen
Schokoladewaren
Die Produktion von Schokoladewaren entwickelte sich nach Schätzungen des BDSI im Jahr 2011 leicht positiv. Hierzu trug auch der regnerische und kühle Sommer 2011 bei, denn der sonst übliche Absatzrückgang von Schokoladewaren in der warmen Jahreszeit blieb im vergangenen Jahr weitgehend aus. Dagegen blieb das Weihnachtsgeschäft aufgrund der milden Witterung hinter den Erwartungen zurück. Insgesamt wurden 2011 in Deutschland 1,02 Mio. t Schokoladewaren produziert. Dies entspricht einem Mengenzuwachs von 0,5 %. Der wertmäßige Zuwachs lag mit 0,7 % auf insgesamt 4,97 Mrd. € etwas höher.
Zuckerwaren
Zuckerwaren entwickelten sich im Verlaufe des Jahres 2011 positiv. In der Menge legten sie im Vergleich zu 2010 um 3,6 % auf 547.000 t zu. Dem entsprach auch der wertmäßige Zuwachs der Produktion von Zuckerwaren mit einem Anstieg von 4,0 % auf 1,75 Mrd. €. Besonders erfreulich war die Entwicklung bei den Exporten. Sie stiegen um 6,0 % in der Menge auf 201.000 t und um 6,2 % im Wert auf 565 Mio. €.
Feine Backwaren
Die Hersteller von Feinen Backwaren verzeichneten im abgelaufenen Jahr ein schwieriges Geschäft vor allem mit Saisonprodukten wie Lebkuchen und Spekulatius. In der Menge gab die Produktion von Feinen Backwaren um schätzungsweise 1,3 % nach. Insgesamt wurden 750.000 t Feine Backwaren produziert. Im Wert sank die Produktion um 0,7 % auf 2,3 Mrd. €. Vor allem die sehr warmen Temperaturen im Oktober und November 2011 führten gegenüber dem kalten und früh einsetzenden Winter im Jahr 2010 zu Einbußen.
Knabberartikel
Im Vergleich zum Vorjahr blieben Knabberartikel nach Schätzungen des BDSI weitgehend stabil. Im Wert stieg die Produktion um 1,6 % auf 787 Mio. €. Die Produktionsmenge erreichte mit rund 260.000 t (-0,5 %) fast das Vorjahresniveau.
Kaugummi
Kaugummi erfreute sich auch im Jahr 2011 großer Beliebtheit. Der Inlandsumsatz (zu Endverbraucherpreisen) lag bei rund 636 Mio. €.