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Keine Spekulation mit Lebensmittelrohstoffen durch Banken und Investmentfonds

November 2011
  • Warenterminbörsen sind wichtige Instrumente sowohl für die Verarbeiter von Lebensmittelrohstoffen als auch für die Erzeuger, um sich gegen Preisrisiken abzusichern. Diese Möglichkeit muss auch in Zukunft gewährleistet bleiben. Eine größere Markttransparenz kann dabei den Unternehmen helfen, begründete Entscheidungen zu treffen und einen Missbrauch der Warenterminbörsen zu vermeiden.
  • Durch extreme Preisschwankungen bei Agrarrohstoffen auch aufgrund spekulativer Geschäfte von Finanzinstituten gerät die Ertragslage der Unternehmen der deutschen Süßwarenindustrie zunehmend unter Druck. Das gefährdet Unternehmensexistenzen und Arbeitsplätze.
  • Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftkrise haben Banken und Fonds den Handel mit Lebensmittelrohstoffen entdeckt und investieren in Weizen, Mais, Reis, Zucker, Kaffee und Kakao. Solche Spekulationen von Finanzinstituten, die nur ein rein finanzielles Interesse an den gehandelten Lebensmittelrohstoffen, aber kein Interesse an der physischen Ware selbst haben, führen zu volatileren Preisen von Agrarerzeugnissen mit teils erheblichen Preissteigerungen.
  • Der BDSI spricht sich gegen Spekulationen mit Lebensmittelrohstoffen durch institutionelle Anleger aus und fordert mehr Transparenz an den internationalen Warenterminmärkten. Dies betrifft gehandelte Mengen, kontinuierliche Informationen über Lagerbestände und Angaben darüber, welche Akteure sich am Terminmarkt eindecken.

Warenterminbörsen sind wichtige Instrumente sowohl für die Verarbeiter von Lebensmittelrohstoffen als auch für die Erzeuger, um sich gegen Preisrisiken abzusichern. Diese Möglichkeit muss auch in Zukunft gewährleistet bleiben. Eine größere Markttransparenz kann dabei den Unternehmen helfen, begründete Entscheidungen zu treffen und einen Missbrauch der Warenterminbörsen zu vermeiden.

Für die Lebensmittelindustrie ist Zweck der Warenterminbörsen, die Absiche-rung ihrer Rohstoffpreise für bestimmte Geschäfte oder Laufzeiten. Gerade im Agrarbereich, wo einerseits beim Rohstoffeinkauf Ernten und Verfügbarkeiten schwanken können, andererseits beim Verkauf der Verarbeitungserzeugnisse Mengen und Qualitäten garantiert werden, ist eine Absicherung sowohl des Rohstofflieferanten als auch seines Abnehmers unverzichtbar. Daher sind Warenterminbörsen gerade im Agrarbereich ein wichtiges Instrument zur Absicherung des Geschäfts für die tatsächlich an der physischen Ware interessierten Marktteilnehmer.

Mehr Transparenz und bessere Informationen über die Art der Akteure und über die gehandelten Mengen geben den Unternehmen bessere Entscheidungsgrundlagen. Warenterminmärkte können so ihrem eigentlichen Zweck, Preisrisiken zu reduzieren, besser gerecht werden und den Lebensmittelherstellern wieder eine kalkulierbare Geschäftsgrundlage geben.

Durch extreme Preisschwankungen bei Agrarrohstoffen auch aufgrund spekulativer Geschäfte von Finanzinstituten gerät die Ertragslage der Unternehmen der deutschen Süßwarenindustrie zunehmend unter Druck. Das gefährdet Unternehmensexistenzen und Arbeitsplätze.

Durch die Spekulationen an den Warenterminmärkten und die extremen Preisschwankungen werden die Rohstoffkosten für die Unternehmen immer weniger kalkulierbar. Für die Unternehmen der mittelständig geprägten deutschen Süßwarenindustrie ist dies eine sehr besorgniserregende Entwicklung. Die Branche gerät zunehmend in die Zange zwischen den einerseits hohen und schwankenden Rohstoffpreisen sowie andererseits dem anhaltenden Preiskampf im hochkonzentrierten deutschen Lebensmitteleinzelhandel, der die Weitergabe von Kostensteigerungen nur schwer zulässt. Dies belastet die Ertragslage der Süßwarenhersteller bis hin zur Existenzgefährdung. Der BDSI verurteilt solche Spekulationen. Lebensmittelrohstoffe gehören auf den Teller und nicht in die Finanzportfolios von Banken und Fonds.

Der Preis für den Rohstoff Kakao stieg Mitte des Jahres 2010 von seinem bereits hohen Niveau von ca. 2.500 €/t sprunghaft auf über 3.250 € je Tonne und befand sich damit zeitweise auf dem höchsten Stand seit 1977. Dieser Preissprung erfolgte in der Situation eines ausgeglichenen Verhältnisses zwischen Kakaoangebot und -nachfrage bei sogar steigenden Lager¬beständen, also rein durch eine spekulative Marktverknappung. Durch bessere Ernteprognosen hatte sich der Preis zwischenzeitlich normalisiert, ist nun aber wegen der politischen Lage in der Elfenbeinküste wieder deutlich angestiegen. Die Bezieher von Kakao, die sich in der Zeit der Spekulationsblase kurzfristig teuer eindecken mussten, blieben meist auf den hohen Rohstoffkosten sitzen. Inzwischen hat sich der Kakaopreis wieder etwas entspannt.

Preisentwicklung von Weizen und Kakao 2008-2010

Auch der Weizenpreis sprang in den Sommermonaten Juli/August nach Meldungen über Ernteausfälle von seinem bisherigen Niveau von rund 130 € pro Tonne auf weit über 200 €/t. Auch dieser Anstieg wurde durch Spekulationen noch verstärkt. Seitdem schwankt der Weizenpreis auf einem hohen Preisniveau und erreichte im Januar 2011 einen Preis von über 250 €/t.

Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftkrise haben Banken und Fonds den Handel mit Lebensmittelrohstoffen entdeckt und investieren in Weizen, Mais, Reis, Zucker, Kaffee und Kakao. Solche Spekulationen von Finanzinstituten, die nur ein rein finanzielles Interesse an den gehandelten Lebensmittelrohstoffen, aber kein Interesse an der physischen Ware selbst haben, führen zu volatileren Preisen von Agrarerzeugnissen mit teils erheblichen Preissteigerungen.

Diese übertriebenen Preissprünge haben ihre Ursache auch in Spekulationen von Banken und Investmentfonds und ihren Wetten auf steigende Preise. Zwar bilden sich Preise immer noch in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage, doch führen auch gezielt gesteuerte negative Schlagzeilen beispielsweise über schlechte Ernteerwartungen zu übertriebenen Spekulationen und somit zu hohen Preisausschlägen. Mitursächlich hierfür ist eine Verlagerung des Geschäftes der Finanzmärkte auf den Handel mit Rohstoffzertifikaten. Das derzeit niedrige Zinsniveau trägt mit dazu bei, dass institutionelle Anleger höhere Renditen auf den Rohstoffmärkten suchen.

Der BDSI spricht sich gegen Spekulationen mit Lebensmittelrohstoffen durch institutionelle Anleger aus und fordert mehr Transparenz an den internationalen Warenterminmärkten. Dies betrifft gehandelte Mengen, kontinuierliche Informationen über Lagerbestände und Angaben darüber, welche Akteure sich am Terminmarkt eindecken.

Die an der Londoner Börse Liffe gehandelten Mengen von Kakao werden im Gegensatz zur Börse in New York nicht veröffentlicht. Auch liegen an der New Yorker Warenterminbörse ICE bessere Informationen über Lagerbestände und Verfügbarkeiten von Ware vor. Allein an der Londoner Warenterminbörse Liffe werden schätzungsweise 40 % der Kakaokontrakte von Spekulanten gehandelt - also solchen Anlegern, die kein Interesse an der physischen Ware selbst haben.

Nachdem es im Juli 2010 zu einem extremen Höchstpreis gekommen war, da einige wenige spekulative Fonds große Mengen Kakao aufkauften, hatten sich mehrere Marktteilnehmer aus dem Bereich Kakao sowie die Internationale Kakao-Organisation ICCO über die mangelnde Transparenz an der Londoner Börse Liffe beschwert. Die Liffe ist dieser Forderung mit dem Commitment of Traders Report, der seit 03.10.2010 regelmäßig veröffentlicht wird, nachgekommen. Inwieweit die Veröffentlichungspraxis hinsichtlich der Lagerbestände an die New Yorker Verhältnisse angepasst wird, ist noch offen. Ein erster begrüßenswerter Schritt in Richtung mehr Transparenz ist gemacht.

Auch aus ethischen Gesichtspunkten sind die Spekulationen von Finanzinstituten ohne Interesse an der Verarbeitung der Lebensmittelrohstoffe verwerflich. Entwicklungsländer beispielsweise, die auf den Import von Getreide, Zucker oder Reis angewiesen sind, sind irgendwann gezwungen zu kaufen, um ihre Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgen zu können. Dies führte in letzter Zeit schon mehrfach zu steigenden Lebensmittelpreisen und politischen Unruhen. Finanzwetten auf steigende Rohstoffpreise sind somit für die Finanzmärkte attraktiv, aber ethisch klar zu verurteilen.

Der BDSI fordert von der Politik, sich für weniger Spekulationsmöglichkeiten durch marktfremde professionelle Finanzinvestoren einzusetzen und generell mehr Transparenz an den Warenterminbörsen zu schaffen. Der Vorstoß von Frankreich und Deutschland, dieses Thema europäisch im EU-Ministerrat und weltweit auf dem G20-Gipfel auf die Tagesordnung zu bringen, war ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die Europäische Kommission greift in ihrer Mitteilung KOM(2011) 25 "Grundstoffe und Rohstoffe - Herausforderungen und Lösungsansätze" vom 03.02.2011 das Thema der Spekulationen mit Agrarrohstoffen auf. Die Europäische Kommission möchte sich für eine bessere Überwachung der Agrarmärkte sowie für eine größere Transparenz einsetzen und erwägt darüber hinaus zielgerichtete Regulierungsmaßnahmen einzuführen, wie etwa Obergrenzen für gehandelte Positionen.


Mehr Informationen bez. der Positionen des BDSI siehe
http://www.bdsi.de/de/positionen_themen

Bonn, 11.11.2011


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